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Valve's Next Dota Doku: Free to Play

Beinahe alles lässt sich als professionalisierter Wettbewerb betreiben. Es gibt da draußen Menschen, die angeln gegen andere Menschen. Sie sitzen da und starren ins Wasser und wem am Ende der dicksten Fisch zugeschwommen ist, der gewinnt. Es gibt auch Menschen, die sich von künstlichen Bergen stürzen nur um derjenige zu sein, der am weitesten hinunterfällt. Sie nennen das Sport, ich nenne das absurd! Und dann gibt es Menschen, die spielen Videospiele – nicht nur aus Spaß, sondern um Geld, Ruhm und Ehre. Professioneller Spielewettbewerb, E-Sport, ist ein Phänomen, das grade in den letzten Jahren massiv an Bedeutung zugelegt hat. Mit dem Film Free to Play (kostenlos bei Steam und Youtube veröffentlicht) möchte Valve dies am Beispiel von Dota 2 und seiner Atlehten demonstrieren – und dabei auch die Menschen ansprechen, die sich bisher nur wenig mit der Materie befasst haben.

Wer dahinter nun eine 70-minütige Werbeveranstaltung erwartet, der dürfte enttäuscht werden. Das Valve-eigene Spiel stellt zwar den Rahmen der Dokumentation, doch der Fokus der Erzählung liegt ganz klar auf den Spielern: Benedict „HyHy“ Lim (Singapur), Clinton „Fear“ Loomis (USA) und Danil „Dendi“ Ishutin (Ukraine). Sie alle gehören zu den besten Spielern der Welt und wollen mit ihren Teams das erste International gewinnen, das lukrativste Videospielturnier der Geschichte: Es geht um nicht weniger als eine Million Dollar! Die Kamera begleitet die Spieler auf dem Weg zu Erfolg oder Niederlage nicht nur am Austragungsort auf der Gamescom in Köln, sondern auch in ihren jeweiligen Heimatorten. Dabei entstehen drei Porträts von drei sehr verschiedenen Menschen aus drei Teilen der Welt, die durch eine gemeinsame Leidenschaft verbunden sind.

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Der Ton der dabei angeschlagen wird, ist unaufgeregt. Natürlich ist klar, wo die Sympathien liegen und begeisterte Aussagen unterstreichen immer wieder die große Zukunft von E-Sport im allgemeinen und Dota im besonderen. Doch wenn die drei jungen Spieler ihre Bildung riskieren, um nach Köln zu fahren, dann sind das nicht nur die kompromisslosen Schritte von mutigen Helden, die ihre Träume leben und am Ende belohnt werden. Valves Filmteam kontrastiert und kontextualisiert die Entscheidungen, gibt Einblicke in die Lebensumstände der Spieler und ihrer Familien. Das mag durchaus klischeebehaftet sein, ist aber vielschichtig genug, um zu berühren und keine eindeutigen Wahrheiten zu produzieren. Die Entscheidung zwischen Studium und Videospielen ist nicht so leicht zu beantworten — selbst wenn man zur Weltspitze gehört.

Free to Play entstammt dabei der gleichen Schule, die auch Dokumentationen wie Indie Game: The Movie hervorgebracht hat. Reichlich Pathos, Großaufnahmen, tolles Licht und ein sattes Gespür für Farbe; alles in einem ruhigen, fast melancholischen Tempo. Es ist eine Erzählweise, die sowohl für Dota-Spieler, als auch für Uneingeweihte funktionieren kann. Die zum Teil nachgestellten Spielszenen sind dementsprechend kurz gehalten und beschränken sich auf die emotionalen Höhepunkte. Ein Elfmeterschießen kann spannend inszeniert werden, auch ohne vorher alle Fussballregeln zu vermitteln.

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Mehr als drei Jahre Produktionszeit hat Free To Play verschlungen, in einem schnelllebigen Geschäft wie der Spielebranche sind das fast 50 Hundejahre. Die dargestellten Protagonisten und ihre Teams sind zum Teil nicht mehr mehr aktiv. Es ist eine Momentaufnahme aus dem Jahre 2011, doch die Geschichten, die erzählt werden, sind zeitlos. Irritationen verursacht allerdings die starre „West- gegen Ost“-Narration, die vielleicht der Perspektive der porträtierten Spieler und der vieler westlichen Zuschauer entspricht, aber mitunter unvorteilhaft in Sylvester Stallone-Territorium driftet. Auch dass man sich vor dem Hintergrund eines Teamspieles fast vollständig auf individuelle Leistungen und einzelne Charaktere konzentriert, erscheint merkwürdig.

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Am schwersten dürfte jedoch die Ausgangslage wiegen. Dass Valve hier eine eigene Dokumentation über ihr eigenes Spiel und ihr eigenes Turnier nicht nur in Auftrag gibt, sondern selbst filmt und produziert, kann letztlich nur scheitern. Vor allem dann, wenn man die eigene Rolle nicht transparent macht. Während Dota als Naturereignis dargestellt wird, vergisst man zu erwähnen, wo die spezifischen Interessen Valves liegen, warum man überhaupt ein Turnier veranstaltet und anschließend eine teure Dokumentation darüber produziert. Eine Million Dollar Preisgeld fallen schließlich nicht vom Himmel, sondern sind ein kalkulierter Schachzug um Dotas Popularität in der Spieleszene anzukurbeln. Dota 2 ist ein Produkt – und wer möchte, der kann sein Spiel sogleich mit dem offiziellen Download-Merchandise (12,99€ bei Steam) zur Dokumentation aufpeppen.

Dass Free to Play gleichzeitig Dota-Werbung ist und Sport-Dokumentation sein möchte ist ein inhärenter Konflikt, der unabhängig von der handwerklichen Qualität des Filmes existiert und nicht aufzulösen ist. Doch Valve versucht es nicht einmal, sondern ignoriert das Problem schlichtweg. Distanz wird vorgespielt indem man sich immer wieder auf die Spieler und nicht auf das Spiel konzentriert. Im Zentrum stehen die individuellen Erfolge von „Hyhy“, „Fear“ und „Dendi“, nicht der Erfolg von Dota 2. Doch beide werden durch die Erzählweise unweigerlich miteinander verknüpft und erinnern so an Castingshows wie „Germany’s Next Topmodel“, die ebenfalls die Bedeutung der eigenen Show für das Leben ihrer Teilnehmerinnen überhöhen. Wer bei Heidi Klum versagt, der versagt auch im Leben? Dabei hätten Interviews mit Valve-Mitarbeitern die eigene Verstrickung in Spiel, Turnier und Filmproduktion zumindest thematisieren können.

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So ist Free to Play zwar ein einfühlsames Porträt dreier Menschen, aber auch eine verpasste Chance. Ein externes Team wäre eindeutig die bessere Wahl gewesen um die notwendige Distanz zu wahren. Man denke etwa an die Metallica-Dokumentation Some Kind of Monster. Aber vielleicht wollte man sich selbst beweisen, dass man auch auf anderen Feldern als der Spieleentwicklung hochwertige Arbeit leisten kann. Der bittere Beigeschmack der Hochglanz-Reklame bleibt so jedenfalls von der ersten bis zur letzten Minute erhalten. Ob Free to Play für Menschen funktioniert, die keinerlei Einblick in die Materie haben, kann ich auch deshalb schwer beurteilen. Ich würde mich jedoch nicht wundern, wenn so mancher Vater und so manche Mutter demnächst eine kommentierte Vorführung durch die eigenen Kinder genießen dürfen. Für jemanden, der selbst in den Dota-Abgründen wandelt ist Free to Play zumindest eine wunderbare Einstimmung auf das nächste International. Und das, werte Freunde, wird groß!