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Twitch: Sounds of Silence – Update

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Twitch besteht für mich aus Let’s Plays mit Livechat, Speedruns, sozialen Experimenten mit Pokémon, Talkshows, Live-Gamejams und millionenschweren Turnieren, die ich nicht im Geringsten verstehe. Seit der Gründung in 2007 als Justin.tv und ab 2011 als Twitch.tv ist das Streaming-Portal zu einer der wichtigsten Games-Video-Seiten geworden. Twitch ist inzwischen die viertgrößte Quelle des gesamten Internetverkehrs in den USA und zieht monatlich 35 Millionen Zuschauer an. Bekannte Streamer können durch Werbeeinnahmen inzwischen von ihren Videos leben und seit einiger Zeit gibt es Übernahmegerüchte von Google. Und genau jetzt macht Twitch wieder alles kaputt.

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Twitch hat gestern Änderungen zu den VODs, den Aufzeichnungen der Streams, bekanntgegeben. Diese konnten bisher auf Wunsch uneingeschränkt archiviert werden, bevor sie nach einer bestimmten Zeit automatisch gelöscht wurden. Seit gestern werden nun ausnahmslos alle Aufzeichnungen nach 14 Tagen, für Partner nach 60 Tagen, gelöscht. Die uneingeschränkte Archivierung entfällt komplett. Der Grund dafür ergibt Sinn: Das bisher verwendete Dateiformat FLV ist stark limitiert. Es basiert auf Flash und kann somit nicht auf Smartphones oder Konsolen betrachtet werden. Laut Twitch finden zudem 84% der Klicks in den ersten 14 Tagen statt, danach sitzen die Aufzeichnungen unbenutzt auf dem Server und verbrauchen Unmengen an Speicherplatz. Im Gegenzug für diese Änderungen verspricht Twitch, die Qualität und Sicherheit der VODs zu erhöhen und Highlights, definierbare Höhepunkte der Aufzeichnungen, ohne Beschränkungen zu sichern. Zeitgleich begrenzt Twitch diese aber auch auf zwei Stunden, wohl um zu verhindern, dass Highlights als neues Archiv missbraucht werden.

“80% of our storage capacity is filled with past broadcasts that are never watched.”

Es sind zwar nachvollziehbare Änderungen, die aber mehr als dürftig umgesetzt wurden. So wäre es beispielsweise möglich gewesen, Funktionen in den bereits existierenden Premium-Account zu integrieren, notfalls sogar gegen einen Aufpreis. Stattdessen verzichtet Twitch komplett auf ein Mittelmaß und zwingt mehrere professionelle Streamer, die stunden- oftmals sogar tagelang live sind, zu einem Umdenken. Es besteht zwar die Möglichkeit, den Stream mit einem Klick aut Youtube hochzuladen, dabei wird er aber automatisch in zweistündige Teile aufgebrochen. Videos werden so auf eine andere Plattform abgeschoben und zerstückelt, was das Erlebnis für den Streamer und Zuschauer umständlicher gestaltet. Das ist ärgerlich, aber die eigentliche Bombe ließ Twitch erst einige Stunden später platzen.

“Starting today, Twitch will be implementing technology intended to help broadcasters avoid the storage of videos containing unauthorized third-party audio.”

Seit gestern wird die Audiospur der VODs mit der Datenbank von Audible Magic abgeglichen. Wird eine Übereinstimmung gefunden, stellt der Player das betroffene Segment (gemessen in 30-Minunten) völlig stumm. Wie bereits die Änderungen an den VODs basiert dies auf einem guten Grundgedanken: Bekannte Streamer spielen in Pausen oder im Hintergrund Musik ab, über die sie keine Rechte verfügen, oftmals direkt über Spotify oder Pandora. Das automatisierte System soll das unterbinden und den Leuten helfen, keine unautorisierte Musik zu benutzen. Zumindest in der Theorie. Das System funktioniert nämlich völlig überraschend überhaupt nicht.

In den letzten Stunden haben sich diverse Fehlmarkierungen gehäuft, einige fast schon zu absurd um wahr zu sein. So wurde selbst die offizielle Talkshow von Twitch stumm geschaltet. Es sind aber noch fragwürdigere Fälle vorhanden, wie das Markieren der offiziellen Musik von Crypt of the NecroDancer in diversen Streams. Der Soundtrack für den Titel ist derzeit noch nicht erhältlich und wurde auch nicht an eine Datenbank gesendet, was die berechtigte Frage aufwirft, warum er denn trotzdem eine Übereinstimmung auslöst. Auch viele andere Künstler kämpfen mit diesen Problemen.

Hier ist bereits das Hauptproblem zu erkennen. Das System durchsucht auch in-game-Musik, wie Twitch im Blog erklärt hat. Als Resultat kann die eigene Musik vom Spiel zu einer Übereinstimmung in der Datenbank führen. Schaltet man das Radio in GTA V ein, oder genießt eine Cutscene, die als Hintergrundmusik einen bekannten Song gewählt hat, riskiert man eine Stummschaltung des VODs. Das Video wird zu einem Stummfilm, wodurch sich Twitch selbst verstümmelt und den eigentlichen Sinn hinter dem Service zerstört: Die Kommunikation zwischen Streamern und Zuschauern. Der sorgsam gewählte Wortgebrauch von “Hilfe” als Begründung lässt die Angelegenheit noch mehr als Farce erscheinen, als sie eh schon ist. Derzeit findet diese Zensur allerdings nur in den Aufzeichnungen statt, die eigentlichen Streams sind noch nicht davon betroffen. Wie lange es dabei bleiben wird, ist unklar.

Was ändert sich nun für die Zuschauer? Erstaunlich wenig. Es besteht nun ein gewisser Zeitdruck, Aufzeichnungen früher nachzuholen, sofern man daran überhaupt interessiert ist. Selbst dann werden bekanntere Streamer die Aufzeichnungen wohl auf Youtube laden, was den Zeitdruck wieder negiert. Die Änderungen für die Streamer sind frustrierender, allerdings nicht zwingend gravierend. Wer seine Streams länger sichern möchte, lädt sie auf Youtube hoch oder erstellt mehrere Highlights. Der Verzicht auf lizenzierte Musik sollte auch nicht schwer fallen, da sich zum Beispiel auf Bandcamp genügend Stücke finden lassen, die unter Creative Commons laufen und in der Nutzung legal sind. Gegen falsche Übereinstimmungen ist man, ähnlich wie bei Youtube, allerdings machtlos. Es ist zwar möglich, die betroffenen VODs herunterzuladen und manuell auf Youtube und ähnlichen Plattformen zu verteilen, es handelt sich dabei aber um eine aufwendige Prozedur, die mehr Zeit beansprucht.

Twitch hat nun mit diesen letzten Ankündigungen vor allem klar gemacht, dass die Aufzeichnungen lieber auf Youtube abgeschoben werden sollen. Die neuen Regelungen zeigen hauptsächlich auf, dass das eigentliche Problem tiefer liegt. Automatische Systeme sind nicht zuverlässig und die drakonischen Urheberrechte sind inzwischen so veraltet, dass sie nur der Industrie helfen, nicht den eigentlichen Künstlern. Ein Wechsel auf andere Plattformen wie Hitbox.tv zögert nur das Endresultat heraus.


Update

Seit der Veröffentlichung des Artikels hat Twitch mehre Schritte unternommen, um die Aufschreie der Nutzer zu lindern. So werden Highlights nun nicht mehr auf zwei Stunden limitiert, sondern können eine unbegrenzte Länge besitzen. Weiterhin besteht nun endlich die Möglichkeit, markierte VODs anzufechten. Zeitgleich ist es allerdings nicht mehr möglich, betroffene VODs mit ihrem Originalton herunterzuladen. Die eigentliche Datei ist stumm gestellt. Twitch verspricht dafür weitere Verbesserungen am System und diverse Änderungen, unter anderem eine Reduzierung der Verzögerung vom Stream.

Noch wichtiger ist allerdings, dass Twitch offiziell für 970 Millionen von Amazon aufgekauft wurde. Gerüchten zufolge scheiterte die Übernahme von Google aufgrund einer zu hohen Gebühr, falls der Deal nicht zustande gekommen wäre. Ob damit alles beim Alten bleibt und Twitch von den neuen Ressourcen profitieren kann, wird sich zeigen.

“It’s dangerous to go alone. On behalf of myself and everyone else at Twitch, thank you for coming with us.”

10 Kommentare zu “Twitch: Sounds of Silence – Update”

  1. Stonejackit
    1

  2. Frank
    2

    Die anfänglichen technischen Probleme werden sie sicher auch noch in Griff bekommen. Finde es aber schade für die Künstler und DJs die Twitch Streams genutzt haben um eigene Musik zuverbreiten und den Kontakt mit den Fans aufrechtzuerhalten. Grade erst vor einer Woche lief ein Stream von ein bekannten DJ als dieser in Ibiza aufgelegt hat. Das wars wohl für Musiker und Twitch :(

    • Lars
      3

      Für Musiker gibts soundcloud und co. Damit hat twitsch ja sowas von gar nichts mitzutun.

  3. loveheartcore
    4

    Was Stonejackit sagt

  4. Stephan
    5

    Gibt es gute Alternativen zu Twitch?

    • Lars
      6

      Du meinst, wo gegen Illegales noch nicht so vorgegangen wird? Keine Ahnung, bestimmt unzählige -- viele in Russland evtl.?

  5. nille
    7

    Den bekannten DJ aus Ibiza können sie meinetwegen gern muten. Und mit muten meine ich natürlich abmurksen.

  6. Lars
    8

    Oh Gott, jemand versucht, illegales zu verhindern, nein wie Böse mal wieder.. und so. Und wow, 1% oder weniger haben damit Problem, boah, wie Schlimm und so. Es werden in Zukunft weniger Kiddies mit Fremdmaterial Geld scheffeln können, Unverschämtheit pur!

    • Fabu
      9

      Hast du den Artikel überhaupt gelesen?

    • TheOriginalDog
      10

      Wat? Erstmal gescheit lesen…

Kommentare sind geschlossen.