Superlevel

Tiny and Big: Grandpa's Leftovers

In gewisser Weise kann Tiny & Big nur scheitern. Seit einer ganzen Weile schon heißt es, dass das Spiel über mächtige Laser und magische Unterhosen (Arne berichtete) das erste richtig tolle Indie-Projekt aus Deutschland sein wird. Eine Erwartungshaltung, die kaum ein Spiel befriedigen könnte. Und dann stürmt der titelgebende Held Tiny in einem Level des fertigen Spiels unbesorgt über eine Tempelbrücke und schneidet mit einem Schuss seines Lasers die halbe Welt entzwei. Mit einem befriedigenden Knirschen gleiten die Gesteinsmassen in die Tiefe und sagen: Du allein warst das! Tiny & Big lässt mich eine ganze Videospielwelt in Stücke schneiden und es ist atemberaubend.

Tiny & Big ist am ehesten als Slice & Jump zu beschreiben, vielleicht aber auch einfach als erstaunlich cleveres Physik-Puzzlespiel. Auf der Suche nach den magischen Unterhosen seines Großvaters (fragt nicht) muss Held Tiny durch gigantische Wüstenlandschaften wandern. Weil er zu klein ist, um riesige Tempelstufen oder gewaltige Berge zu durchqueren, muss er sie mit seiner Laserkanone zurechtschneiden, mit seinem Greifhaken zurechtschieben oder mit dem Raketenwerfer zurechtschießen.

“Tiny & Big features 18 handselected tracks from tremendous indiebands.”

Auch andere Spiele versuchten sich an ähnlichen Mechaniken. In Petri Purhos Cut It wurde das Zerteilen von Boxen benutzt, um kleine zweidimensionale Rätsel zu inszenieren, während in Action-Titeln wie Dead Space oder Metal Gear Rising: Revengeance besonders gefährliche Stücke von Gegnern abgesäbelt werden müssen. Aber so beeindruckend, so episch und mit einem so wundervollen Soundtrack wie in Tiny & Big wurde diese Mechanik noch nie umgesetzt. Statt einer simplen Puzzlemechanik oder einem Präzisionsangriff geht es hier um die Zurschaustellung schöpferischer und zerstörerischer Macht. Black Pants haben eine Welt voller Ruinen, Tempel und gewaltiger Brücken erschaffen. Wir dürfen sie uns jetzt Untertan machen.

Sehr schnell schafft es Tiny & Big Spielern eine absolut fantastische Macht über die Gestaltung ihres Pfades durch die Level zu geben. Es gibt ein Ziel, einen durch Geröll und viel zu große Architektur versperrten Weg und einen Laser. Und viel mehr braucht es auch nicht für eine Einladung, mit der Welt zu spielen. Adam Smith hat vor einer Weile Spiele hochgehalten, die Dinge einfach passieren lassen. Spiele also, in denen der Zufall noch überraschende, erstaunliche Ergebnisse zulässt. Tiny & Big ist so ein Spiel.

Zumindest zum Teil. Während die ersten Level noch gefüllt sind mit riesigen Landschaften, die nur auf einen unvorsichtig gesetzten Laserstrahl warten, wird Tiny später in düstere Höhlen geschickt, in der es statt unzähliger Lösungswege meist nur den einen richtigen Weg gibt (und vielleicht noch ein paar sehr, sehr umständliche). Statt weiterhin durch gewaltige Welten zu tollen, müssen Plattformer-Passagen überwunden werden, die nicht so recht zum Rest des Spiels passen wollen. Tiny lässt sich nun mal nicht so präzise und einfühlsam steuern wie ein Super Mario und gekoppelt mit den nicht immer gut gesetzten Speicherpunkten betonen die schwierigen Höhlensequenzen diese Schwäche nur noch weiter. Zum Glück dauern diese Passagen nicht lange und dann ist das Spiel auch schon vorbei. Nur 3-4 Stunden verbringt man mit der Jagd nach den Unterhosen, was es nochmal verwirrender macht, dass es gleich zwei aufeinanderfolgende Tutorial-Level mit ähnlichem Inhalt gibt.

Aber zurück zur Grundfrage: Ist Tiny & Big das Spiel, das deutschen Indie-Entwicklern einen Platz am Tisch der richtig coolen Indie-Kids geben wird? Nicht ganz. Vielleicht ist das aber auch die völlig falsche Fragestellung. Tiny & Big ist kein irrsinniges Meisterwerk vom Schlag eines Super Meat Boy. Was es aber in seinen besten Momenten (und davon hat es trotz kurzer Spielzeit eine Menge) ist, das ist ein großartiges, buntes, erfindungsreiches Videospiel im besten Sinne. Es mag die Team Meats, die Jon Blows, die Phil Fishs nicht übertreffen — aber Tiny & Big kann verdammt nochmal mithalten. Und schon das allein ist so unfassbar viel wert.

Tiny & Big gibt es für PC, Mac und Linux über GOG, Steam oder (unsere Empfehlung) direkt vom Entwickler DRM-frei, mit einer Menge Goodies und einem Steam-Key für ca. 10€.

Mehr Informationen und eine Demo gibt es auf der offiziellen Webseite.

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