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CYPHER: Cyberpunk Text Adventure

Es folgt ein Gastartikel von Christian Huberts. Sein Twitter-Pseudonym lautet @ChristianHaH und er führt einen eigenen Blog namens Schau an. Für Superlevel nahm Christian CYPHER: Cyberpunk Text Adventure unter die Lupe.

Du sitzt vor dem Computer und sollst einen Artikel zu CYPHER: Cyberpunk Text Adventure von den Cabrera Brothers schreiben. Du magst die 80er, Blade Runner ist einer Deiner absoluten Lieblingsfilme und William Gibsons Neuromancer-Trilogie hat Dein Faible für Cyberpunk geweckt. Der Raum füllt sich mit den sanften Synthesizerklängen von Vangelis und Dein Schreibtisch wird nur vom fahlen Licht einer Energiesparlampe erhellt. Deine Finger berühren die Tastatur…


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> write introduction ❚

Das Text-Adventure entstand einst aus dem glücklichen Zusammentreffen eines höhlenwandernden Programmierers -– William Crowther -– und dem Pen-&-Paper-Rollenspiel Dungeons & Dragons. Heutzutage gibt es jedoch überzeugendere Möglichkeiten der Darstellung epischer Fantasy-Welten als verknüpfte Datenbanken voller Text. Das betagte Genre scheint mit The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy bereits Mitte der 80er seinen endgültigen Zenit überschritten zu haben. Jetzt feiert es dennoch das Comeback: als atmosphärischer Cyperpunk-Thriller, in dem Du selbst in die Tasten hauen und Dich durch Computernetzwerke hacken kannst! Deine Hände zittern vor Vorfreude…


> play game ❚

CYPHER: Cyberpunk Text Adventure macht kein großes Geheimnis aus seinen Inspirationsquellen. Bereits im Titelbildschirm begrüßen Dich die unverkennbare Blade Runner-Schriftart und stimmungsvolle Synthiemusik. Die audiovisuelle Präsentation überzeugt. Das Spiel startet gleich durch: Du bist Dogeron Kenan, ein CYPHER, das heißt ein Bote, der sensible digitale Daten in seinem Kopf über internationale Grenzen in die dystopische Metropole NeoSushi schmuggelt. Klingt ganz nach Johnny Mnemonic, oder?

“Please be more specific.”

Ein Deal ist diesmal gründlich schiefgelaufen und nun sitzt Du in Deinem Apartment in der Falle. Gnadenlose Retriever sind im Anmarsch und wollen Deinen wertvollen Schädel. Schnell die begehrten Daten aus dem Kopf laden! Der Aktenkoffer mit der nötigen Hardware steht auf dem Kaffeetisch. Leider ist er verschlossen. Die Keycard vom Boden aufgehoben und: »use keycard with briefcase«. Das Ergebnis: “Please be more specific“. Ok, dann eben genauer. Es ist schließlich eine “blue“ Keycard. Trotzdem kein Erfolg, ein Kaffeefleck verdeckt den Magnetstreifen. Also: “clean blue keycard“? Nein. “rub blue keycard“? Nein. “wash blue keycard“? Nein. “wipe blue keycard“? Nein. Plötzlich schlägt die Erkenntnis mit voller Wucht zu: Dieses Spiel wird keinen Spaß machen!


> criticise game ❚

Nach etlichen Versuchen und dem Ausdrucken der Befehlsliste aus der Spielanleitung, kommst Du plötzlich durch Zufall auf das richtige Verb: “dry blue keycard“. Na klar! Hauptsache kein “syntax error“ mehr. Aber damit hat der Terror des Text-Parsers noch lange kein Ende gefunden. Ganz egal, ob Du durch Datenbanken in Deinem Kopf stöberst, vor Retrievern über die Dächer von NeoSushi fliehst oder Dich an einem Polizei-Hoovercar festklammerst: die rigide Grammatik des Spiels kennt weder Abkürzungen, Mehrdeutigkeiten, Unschärfen noch alternative Befehle. Selbst wenn ein Raum nur eine Tür besitzt, muss diese beim Öffnen mit der korrekten Himmelsrichtung verknüpft werden; sonst droht ein Fehler in der Syntax. Schon in den tiefsten 80ern konnten das die klassischen Text-Adventures viel besser.

Auch die Begeisterung für die moderne Präsentation kehrt sich auch bald in ihr Gegenteil um. Eine Viertelstunde nach dem richtigen Kommando zu rätseln, um vom Polizei-Hoovercar abzuspringen, bedeutet eine Viertelstunde Action-Krach aus den Lautsprechern. Dann ist endlich Ruhe und Du möchtest Dir etwas Entspannung in einer Pleasure Booth von NeoSushi gönnen. Doch der Schrecken geht einfach nur weiter. Du siehst und hörst Dinge, die ihr Menschen niemals glauben würdet. “Me love you long time.“, sagt Dir die vier-busige (sind drei nicht genug?) Amüsierdame, als Du die Kabine wieder verlassen möchtest. Aber heraus kommst Du nicht. Du fragst, “Why won’t you let me out“? Die Antwort: “Me don’t understand English too well!“


> quit game ❚

Du beschließt, dass es nun genug sei, und beendest das Spiel. Sicherlich bist Du kein Veteran des Genres, aber gerade in der jüngsten Vergangenheit hast Du einfach bessere Modernisierungen des Text-Adventures gespielt. Da war zum Beispiel Digital: A Love Story, das Dich durch seine nostalgische, aber intuitive Bedienung und die tolle Story begeistert hat. Oder aber Analogue: A Hate Story, das sein Text-Adventure-Interface –- atmosphärisch passend und sinnvoll -– ausschließlich beim Hacken einsetzt. Umso ärgerlicher, dass die Entwickler von CYPHER: Cyberpunk Text Adventure Dir immer noch weismachen wollen, Ihr Spiel sei für Genre-Neulinge gemacht und würde außergewöhnliche Handlungsfreiheit bieten. Da helfen Dir auch die hübschen, aber nutzlosen Feelies nicht dabei, Deine Enttäuschung zu vergessen. Das digitale Hintbook, das Du hättest gebrauchen können, gab es außerdem leider nur in der teureren Collector’s Edition. Du hast wirklich versucht, das Spiel zu mögen, doch es klappt einfach nicht…


> like ❚

“Please be more specific.“


> like game ❚

“Please be more specific.“


> like text adventure game ❚

“Please be more specific.“


> like CYPHER: Cyberpu…ach fuck it ❚

“Please be more specific.“


CYPHER: Cyberpunk Text Adventure (PC und Mac) ist auf der offiziellen Webseite erhältlich. Die Standard-Edition kann für $14,99 erworben werden. Im Download sind neben dem Spiel auch der Soundtrack und diverse Extras enthalten.

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